Agiles Mindset - Interview mit Renate

 

Renate, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast mit mir über Veränderungen zu sprechen! Du bist Mindset- und Business Mentorin und hast bei deiner Arbeit tagtäglich mit Veränderungen zu tun. Deshalb komme ich gleich zur ersten Frage: Worin siehst du die große Herausforderung Veränderungen vorzunehmen?
Die große Herausforderung ist vor allem, dass der Mensch aus seinen Gewohnheiten herausgerissen wird. Plötzlich soll oder muss er neue Wege einschlagen. Für das Gewohnheitstier Mensch bedeutet dies eine ungewohnte Situation. Gewohnheiten haben nämlich eine gute Seite: sie geben uns Sicherheit und Stabilität. Deshalb scheuen viele Menschen Veränderungen und schieben sie so lange wie möglich hinaus. Alles was neu ist, bringt Unsicherheit und auch Ängste mit sich. Am Ende ist das „Warum“ bei Veränderungen ausschlaggebend.


Das „Warum“ für Veränderungen heißt für viele zurzeit „Covid-19“. Fallen uns Veränderungen, die wir selbst wollen leichter als die Veränderungen, welche uns von außen aufgezwungen werden?
Das „Warum“ ist die Frage nach dem Sinn. Erachten wir etwas für sinnvoll, dann fällt es uns leichter. Grundsätzlich tun wir uns mit Veränderungen, die von uns selbst ausgehen, leichter. Erkennen wir den Sinn der angestrebten Veränderung, dann ist es egal, wenn sie von außen kommt. Wenn wir den Hintergrund verstehen und gutheißen, sind wir eher gewillt, die Veränderung durchzuziehen. Es dreht sich alles um die Frage nach dem Sinn. Also, wieso verändere ich etwas? Wieso will ich es?
Denken wir an die Neujahrs Vorsätze. Der Großteil dieser Vorsätze wird Mitte Januar schon wieder begraben. Aber warum? Weil sie einfach so nebenbei gefasst wurden, ohne ein klares Ziel zu definieren und den wirklichen Nutzen herauszuarbeiten. So fallen wir beim ersten Hindernis wieder in die alten Muster und Gewohnheiten zurück.


Also hängt alles davon ab, ob mir das „Warum“ klar ist?
Ja, im Grunde hängt alles davon ab. Wie stark ist mein Wunsch, meine Vision, mein Ziel? Welche Vorteile sehe ich selbst darin, wenn ich diese Veränderung vornehme? Ist das „Warum“ wichtig, dann fällt es mir viel leichter die Veränderung umzusetzen. Kurzum: wie groß ist mein persönlicher Nutzen, wenn ich diese Veränderung erreiche?
Wir dürfen eines nicht vergessen: für jede Veränderung zahlen wir einen Preis. Nehmen wir einen der bekanntesten Neujahrs Vorsätze: gesunde Ernährung! Habe ich mich jahrelang ungesund ernährt, muss ich mich zuerst mal über gesunde Ernährung informieren. Ich muss lernen, was mir guttut, wo kann ich diese Nahrung kaufen, etc. Das bedeutet einen gewissen Zeitaufwand, den ich auf mich nehmen muss, um diese Veränderung langfristig umzusetzen. Bei manchen scheitert es schon daran, dass sie sich für die Veränderung keine Zeit nehmen.


Manchen fallen Veränderung regelrecht leicht, manchen schwer. Was unterscheidet diese Menschen?
(Renate schmunzelt) … der innere Schweinehund! Wer kennt ihn nicht? Er hat aber auch gute Absichten. Zudem ist es natürlich auch eine Charaktersache. Es gibt Menschen, die lieben Veränderungen. Die freuen sich regelrecht, wenn es wieder einmal etwas Neues gibt. Grundsätzlich kommen wir immer auf dasselbe zurück: wie sinnvoll ist die Veränderung und wie wichtig ist mir dieses Ziel?
Nehmen wir das Beispiel „Corona Lockdown“. Die Politik hat diesen Lockdown durchgeführt und die Mehrheit hat den Sinn verstanden. Ursprünglich haben auch (fast) alle mitgemacht.

 

Es regt sich inzwischen aber auch Widerstand. Verstehen die Menschen das „Warum“ nicht mehr?
Inzwischen gibt es finanzielle Einbußen und die Angst vor der Zukunft. Einige haben ihren Arbeitsplatz bereits verloren, manchen wird dieses Schicksal noch blühen. Die Angst vor der unsicheren Zukunft hemmt Veränderungen.
Wir Menschen sind grundsätzlich ein soziales Wesen. Dieser Lockdown ist für den Menschen etwas Unnatürliches. Menschen werden depressiv oder aggressiv. Wir sind nicht dafür geschaffen in Isolation zu leben. Wenn ich an einige Pensionisten denke, dann wurde ihre Tagesroutine auf den Kopf gestellt. Täglich am Vormittag einen Kaffee in der Stadt trinken war nicht mehr erlaubt. Hier ging es nicht nur um den Kaffee, sondern um einen Plausch hier und einen Plausch da. Bekanntschaften wurden gepflegt. Plötzlich war der Lebensinhalt eines halben Tages weg!
Bei den Familien mit Kindern ist es ähnlich: die Schulen wurden plötzlich geschlossen. Mehr oder weniger über Nacht musste die Familie auf teilweise engen Raum den ganzen Tag miteinander verbringen. Manche Erwachsene mussten (oder durften?) von zu Hause noch arbeiten. Gleichzeitig Home-Office und Kinder betreuen? Das erzeugt Stress!


Ich würde gerne nochmal auf den inneren Schweinehund zurückkommen. Du sagtest, er hätte auch gute Absichten? Welche denn?
Ich bevorzuge Schweinehündchen. Ich pflege eine freundschaftliche Beziehung zu ihm. Es meint es in einem bestimmten Sinne auch gut mit mir. Z.B. ich soll mich mehr bewegen, ich liege aber gerade gemütlich auf der Couch. Draußen regnet es in Strömen und es ist kalt. Das Hündchen sagt mir dann: „Bleib ruhig mal hier liegen. Du hast es gerade so fein!“. Es hat ja recht, draußen ist es unangenehmer. Aber wenn mir das Ziel wichtig genug ist, dann kann ich auch freundlich sagen: „Ja, stimmt. Wir haben es hier fein, aber jetzt gehen wir eine Runde laufen und dann legen wir uns wieder hin!“ Das Gute ist ja, die Couch läuft nicht weg. Das Schweinehündchen kann es sich danach auch noch auf der Couch bequem machen.


Siehst du Unterschiede zwischen Jung/Alt, weiblich/männlich? Kommen manche mit dem Hündchen besser klar?
Tendenziell würde ich behaupten, dass jüngere Menschen sich bei Veränderungen leichter tun. Schlichtweg, weil ältere viel länger in ihren Gewohnheiten stecken. Es gibt aber immer wieder auf beiden Seiten Ausnahmen. Es kommt darauf an, wer anpassungsfähiger ist.
Vom Geschlecht her sehe ich kaum Unterschiede. Wenn, dann nur, dass Frauen einen anderen Zugang zum Leben haben, da sie im übertragenen Sinne das Leben weitertragen und sie deshalb Prioritäten oft anderes setzen.


Wie siehst du die Zukunft zum Thema Veränderungen?
Wir sind mitten in Veränderungen. Das „agile Mindset“, also die Fähigkeit schnell und flexibel auf Neues zu reagieren, wird unser neuer Begleiter. Kleine und große Veränderungen prasseln immer wieder auf uns ein. Denken wir nur an die Schnelllebigkeit der Technik und der Wirtschaft. In so einer Situation heißt es Schritt zu halten, sonst bleibt man auf der Strecke. Das kann oft eine Herausforderung sein! Ein lebenslanges Lernen wird in Zukunft selbstverständlicher sein. Die IT-Branche hat in den letzten 20 Jahren sehr viele neue Berufe hervorgebracht. Durch neue Bedürfnisse fallen alte Berufe weg, aber neue entstehen.

Die Autos von heute können Mechaniker der 80ger Jahre kaum noch reparieren. Die Elektronik in jedem Auto zwingt sie Neues zu erlernen. Oder denken wir an einen sehr aktuellen Wandel eines Berufsbildes: der Pilot. Bis vor ein paar Monaten galt dieser Beruf noch als der Traumberuf. Es gab viele Streiks mit hohen Forderungen. Und jetzt? Einige der Fluggesellschaften stehen auf der Kippe, sie kämpfen ums Überleben. Wie es mit der Reisebranche weitergeht, wissen wir noch nicht. Aber es kann gut sein, dass Arbeitsstellen gestrichen werden. Was ich damit sagen will: Veränderungen passieren oft schneller, als uns allen lieb ist.


Die Zukunft wird es zeigen. Hoffen wir das Beste! Nehmen wir mal an, ich muss mich demnächst verändern. Wie sieht so ein Coaching bei dir aus?
(lacht) Manche hätten gerne, dass ich ihnen sage, was sie tun sollen bzw. was sie wollen! Sie hätten gerne ein Patentrezept. Aber das gibt es nicht, denn jeder Mensch ist einzigartig. Deshalb beginne ich immer mit einer Standortbestimmung. Wo steht die Person gerade, wovon möchte sie weg und wo möchte sie hin. Wie soll das eigene Leben aussehen? Dann werden die Schritte erarbeitet, wie sie am einfachsten und möglichst mit Leichtigkeit ihr Ziel erreicht. Die eigenen Wünsche laut zu formulieren müssen manche erst lernen.


Das klingt sehr interessant. Was möchtest du zum Abschluss Menschen mit auf den Weg geben, die Angst vor Veränderungen haben?
Veränderungen fallen uns umso leichter, je weniger wir uns gegen sie wehren. Am einfachsten funktioniert das, wenn wir die aktuelle Situation akzeptieren wie sie ist und einfach das Beste daraus machen. Wichtig ist, mit sich etwas nachsichtig zu sein. Auch wenn mal etwas nicht so optimal läuft, sollte wir nicht zu hart zu uns selbst sein. Denn wir sind auf dem Weg, wir geben unser Bestes, aber wenn etwas vollkommen neu ist, kann auch einmal etwas schief gehen.
Gefühle wie Angst, sollten ernst genommen werden, aber ohne sich weiter hineinzusteigern. Angst hat immer positive Absichten: sie warnt uns vor möglichen Gefahren. Es ist quasi die Einladung, aufzupassen und näher hinzuschauen.
Auch wenn wir grundsätzlich mit manchen Veränderungen nicht einverstanden sind, sollten wir uns bemühen, etwas Positives darin zu erkennen. Es ist nicht alles Negativ. Konzentrieren wir uns nur auf das Negative, tendieren wir dazu auch alles negativ zu sehen. Deshalb: Erkenne, was für dich positiv ist! Ein schöner Aspekt beim Thema Veränderung ist die Zuversicht. So eine Art Urvertrauen, dass auch dann, wenn uns das Leben etwas Unerwünschtes präsentiert, wir es schaffen werden. Auch wenn es bedeutet, dass wir dafür etwas leisten müssen!


Vielen lieben Dank Renate für das Gespräch!

 

Renate Gluderer, Mindset- & Business Mentorin, 30 Jahre Erfahrung in der Wirtschaft (Bankenbranche), davon viele Jahre Führungskraft. Seit Anfang 2011 Mentaltrainerin, Trainerin & Coach mit dem Schwerpunkt Business-Coaching, berufliche Veränderungen, erfolgreiche Selbstständigkeit und Mindset. Mehr erfährst du unter: www.renate-gluderer.com (nicht bezahlte Werbung).

 

 

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