Klemmt deine Schublade?

Schubladendenken - Klemmt deine Schublade?

Keiner will sie, aber jeder hat sie: Vorurteile! Jungs sind besser in Mathe, Arbeitslose sind faul, Politiker sind korrupt, ... wer kennt sie nicht. Diese Liste könnte unendlich lang werden.
Wir können uns vor dem inneren Auge eine riesige Kommode mit sehr vielen Schubladen vorstellen. Auf jeder Schublade klebt ein Etikett mit einem Vorurteil darauf. In die Schubladen stecken wir (un)bewusst Menschen und Situationen, die unserer Meinung nach dorthin gehören. Beim Kennenlernen entscheiden oft schon die ersten Sekunden darüber, in welcher Schublade eine Person landet.
Die Anzahl der Kommodeschubladen ist nicht ausschließlich von unserem Wissen und Intelligenz abhängig. Sie hängt auch sehr stark vom Alter und den kulturellen Erfahrungen ab.

Warum haben wir diese Schubladen?

Die Kommode zum Teufel schicken ist keine gute Idee, in Wahrheit ist sie eine Heldin für uns. Sie erleichtert unser Leben enorm. Unsere Welt wird durch die Bildung von Kategorien geordnet. Wir öffnen und schließen viel öfter Schubladen als uns bewusst ist, fast ununterbrochen. Unser Gehirn nimmt eine Person oder Situation wahr und vergleicht diese mit ähnlichen Personen und Situationen. Dies hilft uns Energie zu sparen. Stell dir mal vor, du müsstest alles in deinem Leben von Null auf neu bewerten!? Bzw. hast du dich schon mal gefragt, weshalb Babys und Kinder so viel Schlaf benötigen? Ja genau, sie teilen ihre Schubladen ein. Unser Gehirn ist schon ein cleveres Kerlchen!

Unser Gehirn ist schon ein cleveres Kerlchen!

Der Sozialpsychologe Jens Förster bestätigt, dass Vorurteile für uns ein durchaus nützlicher Kompass sind. Der Mensch ist ein Rudelwesen und wir beziehen einen Teil unseres Selbstwertes aus den Erfahrungen in der Gruppe.
Manchmal passiert es, dass wir eine Erfahrung falsch sortiert haben. Sie steckt in der falschen Schublade. Es liegt an dir, zu prüfen ob eine Erfahrung umsortiert werden muss.

 

Wenn die Schublade klemmt

Kannst du dich noch an den AfD Politiker A. Gauland erinnern, als er behauptete: „Die Leute finden Jérôme Boateng als Fußballspieler gut, aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“? Als gut erzogener Mensch reagierte man natürlich sehr erbost und die öffentliche Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Während sich im anfänglichen Protest sehr viele solidarisch zu allen „Boatengs“ auf dieser Welt zeigten, beweist die Realität, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich sehr wohl schwer tun eine Wohnung im europäischen Raum zu finden. Bei der Jobsuche besteht dasselbe Problem. Also sind wir alle Gaulands? Wohl eher nicht, bzw. ich hoffe, dass dem nicht so ist.

Nüchtern gesehen, bilden wir manchmal undifferenziert Kategorien. Würden wir uns die Zeit nehmen die Person kennen zu lernen, würden wir sehr oft erkennen, dass die Person in der falschen Schublade steckt. Doch selten nehmen wir uns die Zeit eine Person oder Situation kennenzulernen, um sie in die richtige Schublade einordnen zu können.

Sind wir alle Gaulands?

Beim Einordnen passieren auch mal Fehler. Scheinbar harmlose Stereotypen landen als unfaires Vorurteil in der falschen Schublade. Aus diesem Grund sollte man seine Kommode immer mal wieder umräumen.

Die Folgen

Vorurteile haben immer auch Konsequenzen: Wie viele Mädchen erhalten Legotechnik als Geburtstagsgeschenk? Kinder werden sehr oft stereotypisch erzogen: Mädchen erhalten Puppen, pinke Kleidung und sollen sich auch „mädchenhaft“ verhalten. Jungs erhalten hingegen Legotechnik, Sportausrüstung, um ihren Körper zu stärken. Diese stereotypische Erziehung hat natürlich auch Folgen in der Berufswahl.

"Das kann ich nicht."

Bei der Besetzung bestimmter Positionen haben Kandidatinnen vielfach keine Change. Ihnen wird unterstellt, dass das Interesse, die Kraft oder ähnliches fehlen. Mitarbeiter mit ausländisch klingenden Namen haben laut Studien öfters Schwierigkeiten eine Einladung zum Vorstellungsgespräch zu erhalten.
Das Problem? Es senkt das Selbstwertgefühl teilweise drastisch. Ein typischer Satz der daraus resultiert: „Das kann ich nicht.“ Wohlgemerkt, ohne es jemals probiert zu haben.
Die Journalistin Vanessa Vu ist Tochter vietnamesischer Flüchtlinge. Sie ist immer wieder Vorurteilen ausgesetzt. Während der Coronazeit riefen ihr Leute auf der Straße zu, dass Asiaten Fledermäuse essen würden, und deshalb hätten wir jetzt die Pandemie. Aha... Selbst vermeintlich positive Vorurteile sind in der Summe wie kleine Nadelstiche: Vietnamesen gelten in Deutschland als Muster-Migranten. Trotzdem möchte man nicht immer darauf reduziert werden, dass die biologischen Wurzeln nicht "von hier sind". Irgendwie schwingt immer ein „ihr seid so ___ (beliebiges Wort einsetzen).“ mit.

 

Was kannst du dagegen tun?

Schubladendenken - Frühjahrsputz

Nimm dir Zeit für einen Frühjahrsputz! Öffne alle Schubladen. Sortiere den Inhalt neu. Ist eine Schublade schwer beladen und klemmt? Schaue genauer hin!
Lerne die Situation richtig einzuschätzen. Handelt es sich um eine alltägliche Situation, welche problemlos kategorisiert werden kann? Wenn du am Zebrastreifen stehst, und ein Auto nähert sich schnell, meldet sich die Schublade: Gefahr! Also bleibst du stehen. Alles gut.
Eine Person bewirbt sich bei dir, ihr Lebenslauf bestätigt mehrere Arbeitswechsel in kurzer Zeit. Zuerst öffnet sich vielleicht die Schublade „gibt schnell auf“. Vielleicht möchtest du auch mal genauer hinschauen? Arbeitete diese Person in einer Branche, in der jährliche Arbeitswechsel nicht ungewöhnlich sind? Gab es Wohnsitzwechsel? Vielleicht ist die Person ja trotzdem interessant für dich und dein Unternehmen.
Andersrum solltest du dich auch in keine falsche Schublade stecken lassen. Und wenn es dennoch jemand versucht: klemm ihm die Finger ein. Nein, das ist kein Aufruf zu Gewalt! Zeig der Person aber, dass du in der falschen Schublade steckst.

 

Fazit

Schubladen sind grundsätzlich nicht falsch oder schlimm. Sie vereinfachen unseren Alltag enorm. Aber hin und wieder ist es Zeit für einen Frühjahrsputz…

 

Bilder: Kommode, Staubwedel;
Text: hier, hier, hier und hier,