Der 5-Stunden-Tag

Arbeitszeiten sind im Unternehmen oft ein heikles Thema. Mit starren Arbeitszeiten lockt ein Arbeitgeber kaum noch junge und zukünftige Arbeitnehmer. Deshalb stellt sich die Frage:


Ist der 8-Stunden-Tag überhaupt noch aktuell, oder geht es auch anders?


Vor kurzem habe ich einen Beitrag in der deutschen Fernsehsendung Galileo gesehen. Runa-Reisen ist ein Unternehmen mit Sitz in Steinhagen (in der Nähe von Bielefeld). Sie sind spezialisiert auf Reisen für Rollstuhlfahrer und haben einen interessanten Versuch zu den Arbeitszeiten gestartet. Bisher hatten die 10 Mitarbeiter einen 8-Stunden-Tag aufgeteilt auf den Vor- und Nachmittag. Innerhalb dieser 40h-Woche wurden rund 700 Aufgaben, 420 Telefonate abgearbeitet und 70 Kaffeepausen abgehalten. Die Versuchswoche startet: ab jetzt nur noch 5 Stunden pro Tag, bei gleichem Gehalt und gleichem Arbeitspensum.

Wie soll das funktionieren?


Wie jeder zugeben muss, in einem 8 Stundentag werden nicht die gesamten 8 Stunden durchgearbeitet. Kaffeepausen, Späßchen und „Ratscherlen“ (südtirolerisch für ein kurzes Gespräch) sind auch an der Tagesordnung und vielen Arbeitgebern ein Dorn im Auge. All das gibt es bei Runa-Reisen ab Versuchsstart nicht mehr. Um Smalltalk zu verhindern findet die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern ausschließlich über Chat statt. Die Mitarbeiter laufen anfangs noch gegen die Zeit, schaffen jedoch am Ende der Versuchswoche 92% der Aufgaben und 90% der üblichen Telefonate.


 

Was muss bei so einem Arbeitsmodell beachtet werden?


Alle Mitarbeiter arbeiten zur selben Zeit. Kunden müssen sich vielleicht erst daran gewöhnen, dass der Service nicht mehr ganztägig erreichbar ist (zugegeben: das Unternehmen verfügt über eine 24h-Notfallnummer für Reisende). Jedes Unternehmen sollte vorab den normalen Alltag analysieren. Wie viel Zeit wird mit Kaffeepausen verbracht? Wie oft guckt man privat auf sein Handy und verschickt nochmal schnell eine Whatsapp etc.? Damit Kollegen durch Fragen nicht von ihrer Arbeit abgelenkt wurden, wurde u.a. ein Chat benutzt, jedoch ohne „Alert Funktion“. Kein aufpoppendes Fenster oder Geräusch störte so den Arbeitsfluss. Eingehende Telefonate wurden von einer Mitarbeiterin abgefangen, und nach Dringlichkeit den Kollegen per Telefon oder E-Mail weitergeleitet.

Soziale Interaktionen während der Arbeit sind doch wichtig?


Die Gefahr besteht, dass Mitarbeiter vereinsamen. Runa-Reisen hatte eine einfache Lösung dafür. Das gesamte Team saß nach Feierabend um 13 Uhr beisammen und ließ den Tag Revue passieren; manchmal aßen sie auch etwas zusammen und holten damit die „Ratscherlen“ nach.

Und wie war das mit dem Stress?


Stress empfanden die Mitarbeiter durchaus. Manche waren der Meinung, dass sie mit 6 Stunden besser zurecht gekommen wären. Jedoch entfällt der Stress am Abend noch schnell Essen einzukaufen, Kinder abzuholen oder nach den pflegebedürftigen Eltern zu sehen; und somit lässt insgesamt der gefühlte Stress nach. Es liegt klar auf der Hand, die Mitarbeiter haben mehr Zeit für Familie und Hobbies.

Was sagt Karl B. Bock, Gründer von Runa-Reisen, nach dieser Woche?


Sie bleiben mit 100% Zustimmung der Mitarbeiter dabei! Er hat ein junges Team. Diese sind durch mehr Freizeit und Lebenszeit eher zu gewinnen als durch mehr Geld wie frühere Generationen. In Spitzenzeiten wird eventuell auf den üblichen 8-Stunden-Tag zurückgegriffen. Der Normalzustand sollte jedoch der 5-Stunden-Tag werden. Mitarbeiter fühlen sich während der Arbeit weniger abgelenkt und selbst, wenn das private Handy auf dem Schreibtisch liegen bleibt, wird es nicht mehr beachtet (das wünscht sich doch jeder Arbeitgeber?).
Was würdet ihr zu so einem Modell sagen?

 

Fotos: hier und hier
Textquellen: Runa-Reisenhier und hier




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